Zusammenarbeit von Autor und Lektor


Feststellungen des Lektors Michael Lohmann, Mitglied im VfLL, nach fast drei Jahren der Arbeit mit dem Krimiautor Béla Bolten.

Thema hier also: Die Zusammenarbeit von Autor und Lektor

Michael Lohmann | Zusammenarbeit von Autor und Lektor

Michael Lohmann (Lektor im VfLL)

Schreib-Disziplin.

Bélas Manuskripte sind sauber. Sauber im Sinne von: Sie sind hochanständig professionell formatiert, die Zeitangaben (bei Béla eine Art Markenzeichen, er schreibt sie aus) passen auf eine Zeile, jedes Kapitel beginnt auf einer neuen Seite. Ich schreibe das, weil es nicht selbstverständlich ist. Ich notiere das hier auch, weil ich dahinter eine Form von Disziplin bei der Arbeit erkenne, die ich schätze. Falsch: sehr schätze. Ich öffne das Text-Dokument und freue mich erst einmal. Ahhhh, ein Béla…

Satz-Bau.

Bélas Sprache ist nach dreizehn Bänden seiner Berg-&-Thal-Reihe (ja, das ist die korrekte Schreibung in Verbindungen mit den Kaufmanns-Et) beim vierzehnten Band namens ›Sühnezeit‹ – erschienen am 20. März 2017 – ausgereift. Nein, das ist gewiss nicht mein Verdienst, der Mann kann es einfach. Er beherrscht auch lange Sätze so, dass ich als selbst ernannter Gralshüter des Subjekt-Prädikat-Objekt-Satzes die Farb-Schlängel-Warnung des Programms Papyrus ausgeschaltet habe. Bei anderen Autoren heult Papyrus auf, wenn ein Satz mehr als dreißig Wörter umspannt.

Inquit-Alarm.

Den Vorwurf an Lektoren, die Sprache des Autors auf irgendein gut verkäufliches Norm-Maß zu trimmen, nehme ich eh nicht ernst. Bei Béla greife ich, rein sprachlich, auf rund dreihundert Seiten vielleicht zehn Mal mit Kommentaren zu seiner Schreibe ein. Die meisten Anmerkungen akzeptiert der Autor stumm. Die Mehrzahl der Anmerkungen am Rand bezieht sich auf – wie ich finde – etwas ungelenke Abgänge zu Zitaten; frei erfundenes und überzogenes Beispiel: »Ich muss noch in die Küche, die Suppe kocht über«, verabschiedete sie sich in ihr Reich. Bei so einer Konstruktion rülpst mein Inquit-Alarmsystem verdorbenen Atem hoch.

Béla Bolten | Zusammenarbeit von Autor und Lektor

Béla Bolten (freier Autor)

Apotheker-Zettel.

Der Autor erwartet, dass ich seinen Handlungsstrang nachvollziehe. Stimmt das so? Passt das? Kann der Täter das so geplant haben – und warum geht Bélas Kommissars-Quartett nicht anders ran? Für mich heißt das, den Handlungsstrang, besser: Plural, Handlungsstränge, nachzuzeichnen. Digital und auf Papier. Ich schreibe mit. Ich formuliere Fragen ins Manuskript per Kommentarfunktion und mache mir Notizen auf Zetteln. Bei seiner ›Sühnezeit‹ waren es die Zettelblocks aus meiner Apotheke. Nach zwei Tagen Arbeit an dem Buch lagen rund zwanzig Zettel auf meinem Schreibtisch. Oben steht gedruckt der Name der Apotheke, darunter: ›… alles für Gesundheit und Wohlbefinden‹. Der Täter hat das Opfer in ein Zimmer gesperrt; es hat Todesangst, der Apotheken-Zettel beruhigt. Ich bin abgelenkt. Wie ist das BKA strukturiert?

Personal-Fragen.

Andere Zettel – und ich finde sie nicht immer auf Anhieb wieder, ärgerlich, nachts um 1:45 Uhr – sind bekritzelt mit Eigenschaften und Eigenheiten neuer Figuren: langer Mantel – rote Haare – schmutzige Schuhe – der hinkt! Warum? – Figur eines russischen Models – Körpergeruch nach Kernseife und Boss-Parfüm. So etwas. Auf Apothekers Block. Aber nur für neue Figuren, die aller Voraussicht nach nicht mehr auftauchen in Band 15 und den folgenden; die immer wiederkehrenden sind abgelegt in einer digitalen Personendatei, die Papyrus anbietet – bei jedem Buch lade ich sie erneut ein. Heißt der jetzt Markovic oder Markowicz?

Zeit-Fragen.

Béla erwartet selbstverständlich, dass ich seine Zeitschiene überprüfe. Auf einige Zetteln stehen, in Gelb markiert, Daten aus einer Woche Handlung, samt Uhrzeiten und Orten; Béla arbeitet kapitelweise und in denen fünfminutengenau. Wie lange benötigt ein Kurier im Berufsverkehr von Heidelberg nach Ludwigshafen? Nur mal so als Beispiel. Können die Protagonisten in fünfzehn Minuten Fußmarsch Punkt A in Konstanz erreichen? ›Google Maps‹ erweist sich als ein wunderbares Programm, ›bahn.de‹ als eine wunderbare Seite – und wenn Bélas Held von Basel nach Teheran fliegt, sagt mir ein Herr Internet, dass ein solcher Flug nur an ungeraden Mittwochen angeboten wird, eventuell.

Teil-Lieferung.

Noch etwas? Aber ja. Das Markanteste an dieser Zusammenarbeit zum Schluss: Béla liefert nie an einem Stück. Béla liefert in der Regel drei Tranchen; meist die Hälfte zuerst, dann dreißig Prozent in Tranche zwei und zwanzig Prozent in Tranche drei. Er kündigt die Lieferung an, stundengenau: »Tranche drei morgen Vormittag.« Er fragt nie, wie weit ich bin. Wir vereinbaren indes zu Beginn der Arbeit an einem Buch, wann zwei Lesungen meinerseits (plus von mir verantwortetes Fremd-Korrektorat) wünschenswerterweise geschafft sein sollten. Es ging nie schief.

Mittags-Wein.

Was daran so markant ist? Tranche eins von ›Sühnezeit‹ kam an einem Dienstag um 17:02 Uhr, ›siebzehn Uhr zwei‹, wie Béla schreiben würde. Alles fertig am folgenden Samstagnachmittag. Tag-und-Nachtarbeit, zwei Lesedurchgänge. Sehr konzentriert.

Nach dem Ersten Lesen schicke ich die Rechnung. Béla überweist sofort. Neun Tage später ist das Buch öffentlich. Ein exemplarischer E-Mail-Dialog zwischendrin:

»Tranche 02 heute Nachmittag noch. Sag mir nur kurz, dass wir gut in der Zeit liegen.«
»Alles bestens, Herr Lektor.«
»Béla, wie angesagt, du hast sie zum Frühstück. Tranche 3 ist fast durch. Solltest du zum Mittags-Wein haben ;.)«

Béla weilte zu dieser Zeit auf den Kanaren bei achtundzwanzig Grad, ich bürostuhlte in meinem beheizten Büro.

Michael Lohmann und Béla Bolten halten zum Thema „Autor und Lektor“ einen Workshop beim Self-Publishing-Day 2017 in Hamburg

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